
Das japanische Schwert, katana, ist in der ganzen Welt berühmt. Nicht nur wegen seiner Materialeigenschaften. Das Tragen und der Gebrauch dieser Waffe war lange Zeit alleiniges Vorrecht der japanischen Kriegerklasse, der Samurai. Doch ist das katana viel mehr, als nur eine Blankwaffe. Es war und ist noch immer auch Ausdruck der Samurai-Kultur. Denn es war nicht nur Waffe, sondern diente auch der charakterlichen Erziehung und Weiterentwicklung der Samurai. Im heutigen Iaido-Training werden drei Arten von Schwertern benutzt. Das bokken, ein Holzschwert für Partner-Übungen und Grundlagen-/Aufwärmtechniken. Das iaito, es entspricht einem scharfen Schwert in Form, Länge, Gewicht und Aussehen, seine Klinge ist aber ungeschliffen. Und zuletzt das scharfe Schwert, auch als shinken bezeichnet, das jedoch erst nach vielen Jahren des intensiven Trainings richtig benutzt werden kann.
Die Grundlagen für das heutige Iaido wurden in der Edo-Zeit (1603 – 1868) gelegt. In dieser Zeit herrschte in Japan nach einem halben Jahrhundert voller Bürgerkriege eine Zeit des Friedens und der politischen Stabilität. Unter der Herrschaft des Shogunats blühte die Kultur in Japan auf. Damit verloren die Samurai und ihre Kampftechniken immer mehr an Bedeutung. Nicht mehr ständig im Kampf stehend, wurde zunehmend spirituelles Gedankengut aus dem Taoismus und Zen-Buddhismus in die Kampftechniken integriert. Bereits zum Ende des 16. Jahrhunderts wurde die Ausübung der Schwerttechniken von einigen Schwertkämpfern nicht mehr nur als Kampftechnik gesehen, sondern auch als Instrument zur Erziehung und zur Kontrolle des Egos. Allgemein gilt Hayashizaki Jinsuke Shigenobu (1546 - 1621) als Begründer des Iaijutsu und ist damit auch Wegbereiter des Iaido. Der Geschichte nach, hat er eine effektive Schwerttechnik gesucht und entwickelt, um den Mörder seines Vaters mit nur einem Schwertstreich niederstrecken zu können. Später soll sich ihm die wahre Natur des Schwertkampfes während seiner Meditationen eröffnet haben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das öffentliche Tragen von Schwertern von Kaiser Meiji verboten. Die Schwertkampfkunst kam daraufhin zum erliegen. Nur durch das Engagement von Personen wie Nakayama Hakudo Hanshi (1873 – 1958) kam es zu einem Wiederaufleben der traditionellen Schwertkunst. Er vereinigte mehrere historische Schulen unter den Namen Muso Shinden Ryu (etwa: „Traum-Geist-Überlieferung- Schule“). Der Begriff Iaido tauchte erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf. Unter diesem Begriff werden alle Schwertkampfkünste gefasst, in denen die geistige Ausbildung einen hohen Stellenwert hat. Noch heute gibt es viele Stile, die ihren Ursprung auf Hayashizaki Jinsuke Shigenobu beziehen. Hierzu gehören zum Beispiel die Muso Jikiden Eishin Ryu und die Muso Shinden Ryu. Beide Schulen sind in Deutschland am weitesten verbreitet.
Im Deutschen Iaido Bund e.V. (DIaiB e.V.) wird als Grundlage, neben der traditionellen Schule (Muso Shinden Ryu), das Iaido der ZEN NIHON KENDO RENMEI („Alljapanischer Kendoverband“) vermittelt. Diese aus mittlerweile zwölf Formen bestehende Grundschule ist 1968 geschaffen worden. In ihr finden sich Techniken vieler historischer Schwertkampfstile wieder. Im ZNKR-Iai werden weltweit Prüfungen und Wettkämpfe abgehalten. Damit besitzen wir eine für alle einheitliche Ausbildung, die offen und überprüfbar, auch für Interessierte anderer Budokünste, ist.
Das Wort Iaido besteht aus zwei Silben: iai und do. Die Silbe iai setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen: i(ru) = sein und ai(au) = zusammen/Harmonie. Insgesamt bedeutet dies etwa: „ganz dabei sein“. Die zweite Silbe do bedeutet Weg. Mit diesem Weg ist der Verlauf der persönlichen Entwicklung und Ausbildung gemeint. Im Mittelpunkt des do steht immer das Üben einer bestimmten Fertigkeit mit einem überwiegend spirituellen Aspekt. Anders als bei europäischen Sportarten, in denen die charakterliche Bildung nur eine Randerscheinung ist, steht diese beim do im Mittelpunkt. Das Ziel liegt in der Ausbildung der in jedem Menschen vorhandenen Fähigkeiten, damit er sein Leben mit Bewusstsein und Erkenntnis füllen kann. Im Iaido lernt man, wie man das Schwert in allen möglichen Situationen gezielt und sicher bewegen kann. Dies alleine reicht aber nicht aus. Denn dann würde man bei der Schwertkampftechnik iaijutsu stehen bleiben. Hier ist irgendwann kein wirklicher Fortschritt mehr möglich. Darüber hinaus geht es beim Iaido nicht nur um eine Methode, jemanden mit dem Schwert zu töten, ihn zu besiegen, sondern um die Überwindung des eigenen Egos, was durch das Schwert getroffen und besiegt werden soll. Der ernsthaft Übende wird durch die vielen Schwierigkeiten beim Beschreiten des Weges zu einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst gezwungen. Die Überwindung und das stete Bemühen zur Verbesserung sind der Kern der Ausbildung. Die klassische Situation des Schwertkämpfers, sich mit seinem Gegner auseinandersetzen zu müssen steht im Iaido stellvertretend für die Handlungen in unserem modernen, täglichen Leben. Saya no uchi no kachi saya ist das größte Ziel: „Siegen, ohne das Schwert zu ziehen.“ Iaido meint letztendlich die vorausschauende und im Einklang mit den Umständen angemessene Handlung.
Trainiert wird traditionell in extra dafür eingerichteten Übungshallen, dojo „der Ort des Weges“. Die Kleidung besteht aus einem weiten Hosenrock (hakama), einer Jacke (gi) mit Unterhemd (hadagi) und einem breiten Gürtel (obi). Die Farben sind dunkel gehalten, meistens schwarz oder dunkelblau. In Japan ist es auch üblich in weißer Kleidung Iaido zu üben. Der Anfänger lernt zuerst die einzelnen Elemente, aus der eine kata besteht. Eine kata ist ein vorgegebener Bewegungsablauf, der einem realen Schwertkampf nachempfunden ist. Jede kata umfasst vier Elemente: 1. Ziehen des Schwertes (nukitsuke), 2. Schnitt (kiritsuke), 3. Schwert reinigen (chiburi) und 4. Schwert wegstecken (noto). Das Besondere am Iaido liegt darin, dass jeder die kata für sich alleine übt, die Gegner sind vorgestellt. Ungefährliche Partnerübungen mit dem bokken sind möglich. Mit ihnen können Funktion, Abstand, Timing und Dynamik einer kata verdeutlicht werden. Fehler entstehen alleine aus dem Übenden selbst. Belastende Gedanken, naive Vorstellungen oder falsche Bewegungen müssen dabei überwunden werden. Dadurch wird das Ausführen der an sich natürlichen Bewegungen schwierig, manchmal auch unmöglich. Erst durch die ständige Annahme dieser Herausforderung gelingt allmählich die richtige Bewegung. Dem Übenden wird die fremde Technik mit der Zeit vertraut, sie wird zu seiner eigenen. Diese Einheit von Geist, Körper und Schwert ki ken tai ichi wird in allen Bewegungen angestrebt.
©DIaiB e.V. 2005: Originaltext und Bilder finden Sie hier...